Erst urteilen, dann erfahren, wer es gesagt hat
Würden Sie zustimmen, wenn Sie wüssten, von wem der Satz stammt? Ein Partyspiel aus echten Parlamentsreden macht die Antwort sichtbar – für jeden am Tisch einzeln.
Die Herausforderung
Ein Satz klingt vernünftig – bis man erfährt, wer ihn gesagt hat. Politische Urteile hängen oft stärker am Absender als am Inhalt, und an sich selbst bemerkt man das am wenigsten. Wer darüber sprechen will, braucht Material, dem niemand Schlagseite vorwerfen kann: echte Aussagen, nachprüfbar, über alle Lager verteilt. Die Quelle dafür ist öffentlich, aber sperrig. Ein Sitzungsprotokoll des Parlaments ist ein PDF mit Hunderten Seiten, durchsetzt von Zwischenrufen und Geschäftsordnung.
Was wir gebaut haben
„Ohne Etikett“ (Arbeitstitel) ist ein Partyspiel für Handy und großen Bildschirm – und eine Daten-Pipeline, die es füttert.
- Einlesen: Die stenografischen Protokolle des Nationalrats, frei verwendbare amtliche Werke, werden automatisch geladen, in einzelne Redebeiträge zerlegt und Sprecher wie Fraktion zugeordnet. Eine semantische Suche findet Passagen nach Thema statt nach Stichwort.
- Auswählen mit Aufsicht: Eine Heuristik zieht Sätze direkt aus dem Protokoll, ein Sprachmodell schlägt weitere vor, je Partei ausgewogen. Die KI darf auswählen, aber nicht umformulieren: Ein Abgleich verwirft jeden Satz, der so nicht im Protokoll steht. Ihre Vorschläge kommen erst nach menschlicher Freigabe ins Spiel. Jede Karte trägt Datum, Fundstelle und den umgebenden Redepassus, damit nichts aus dem Zusammenhang gerissen wirkt.
- Spielen: Jede Karte zeigt eine Aussage ohne Absender. Erst urteilen, dann die Partei raten, dann die Auflösung. Danach dasselbe Urteil noch einmal, diesmal mit Etikett. Am Ende sieht jeder, wie oft das Etikett seine Meinung gedreht hat. Das Spiel selbst bewertet nie, und es teilt so aus, dass keine Partei gehäuft auftaucht.
Was es bringt
Aus über 6.000 Redebeiträgen in mehr als 30 Sitzungen zwischen 2019 und 2025 sind über 70 Karten zu zehn Themen geworden, verteilt auf alle fünf Parlamentsparteien. Ein Testlauf mit drei KI-Testspielern – politikmüde, skeptisch, Spieledesigner – ließ die erste Mechanik durchfallen: Allein gespielt war der Effekt gar nicht messbar. Daraus entstand das doppelte Urteil. Eine zweite Prüfung sortierte danach Karten aus, die zu vage waren oder ihren Absender schon im Wortlaut verrieten. „Ohne Etikett“ ist ein Pilot aus unserem Labor und noch nicht öffentlich. Die Mechanik trägt, an der Auswahl wird weiter geschliffen.
Für wen das passt
Bildungseinrichtungen, Medienkompetenz-Workshops und Veranstaltungen, die über Framing reden wollen, ohne selbst Partei zu ergreifen. Und alle, die aus großen, unordentlichen Textbeständen belastbare Daten machen müssen: Das Muster aus Einlesen, KI-Vorschlag, Abgleich mit dem Original und menschlicher Freigabe funktioniert genauso für Verträge, Normen oder Sitzungsprotokolle.